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Im Zweitakt-Nebel der eigenen Jugend
"50 ccm Freunde Nettelstedt" lassen alte Zeiten mit kultigen Mopeds aufleben
Lübbecke-Nettelstedt. Andreas Volkmann (58) schwört auf Kreidler. Seit 42 Jahren fährt der Eickhorster die Marke aus Kornwestheim bei Stuttgart, die seit dem Firmenkonkurs im Jahr 1982 Geschichte ist, lebendige Geschichte - und längst Kult.
"Ich bin mit Kreidler groß geworden", sagt Volkmann, tritt einmal auf den Kickstarter der roten Florett RS, Baujahr 1980, hüllt sich und das Kleinkraftrad in feinen Zweitakt-Nebel. Sofort ist der Motor angesprungen, summt munter vor sich hin, und der Chromtank strahlt dazu mit der Sonne um die Wette.
Fast wie neu steht die schlanke Lady da, ein Traum vieler Jugendlicher in den 70-er Jahren, Andreas Volkmanns Traum bis heute. Ihre knapp sieben PS aus 50 Kubikzentimetern Hubraum waren damals das Ende der Fahnenstange, jedenfalls unfrisiert. Wer mehr wollte, griff zum illegalen Rennsatz.
Die 70-er. Hosen mit Schlag, Mopedfahrer mit Schneid, im Radio "Slade", in den Köpfen der Traum von Freiheit auf zwei Rädern, die Finger ständig schmutzig vom Schrauben an den kleinen Rennern. Die Helden von einst sind älter geworden, manche quetschen einen kleinen Bierbauch zwischen Tank und Sturzhelm. Doch in den Herzen sind die Heizer jung geblieben.
"Wir lassen die alten Zeiten aufleben", sagt Rainer Siebeking (47), Kassenwart der ,,50 ccm Freunde Nettelstedt". Alle in der Runde nicken stumm. "Diese Grundidee hält uns zusammen." Und der Glaube an Tradition. Die knapp 40 Männer in den schwarzen Lederjacken sind eine eingeschworene Gemeinschaft, in der Benzin geredet und Bier getrunken wird, so lange keiner fahren muss.
Sie kommen aus Gehlenbeck und Schnathorst, Rahden und Stemwede, die meisten aus Nettelstedt. Man trifft sich im "Leo's" an der B 65. Einige haben nebenbei schwere Motorräder. Doch bei den Ausfahrten, wird lieber zu Mofa, Moped, Mokick oder Kleinkraftrad gegriffen. "Damit erregst du viel mehr Aufsehen", sagt Jörg Skerjanc (47), erster Sportwart, der auf Kreidler Florett RMC und NSU Quickly setzt. Mag beim Biker-Treff "Günters Kurve" im Extertal auch der neuste Supersportler mit 1000 Kubik und 180 PS stehen - sobald die Nettelstedter eintreffen, sind sie von Menschentrauben umringt.
Ist doch klar, warum: Wer einmal den Geruch von verbranntem Zweitakt-Gemisch geschnuppert hat, wird süchtig. Wer jemals bäuchlings auf dem Tank lag, den Tacho im Blick, dessen Nadel sich der 100er-Markierung näherte, will es immer wieder haben. Und wer das Gekreisch der Schnapsglas-Klasse kennt, nennt es Musik.
Bei Ernst Kottkamp (56), Chef der "50 ccm Freunde", kommt die Musik aus Kornwestheim. Vier Kreidler nennt er sein Eigen. "Die gingen gut und waren ab Werk schon haltbar", erinnert sich Kottkamp (Tel. 05741 / 6932) an seine Jugend.
Allzu haltbar dürfen die Mopeds auch nicht sein, sonst hätten die Piloten einen Grund weniger, sich regelmäßig zu treffen. Jeden ersten Mittwoch im Monat ist "Schrauberabend". Zuvor werden die Händler der Umgebung nach Ersatzteilen abgeklappert und das Internet durchforstet. Neu gibt’s keine Maschine mehr.
Rainer Siebeking zum Beispiel hat sich vor drei Jahren ein Kreidler-RMC-Mokick gekauft, "einen Schrotthaufen". Mittlerweile ist die Zweitakt-"Säge" top restauriert. "Es war ein faszinierender Moment, als ich durchtrat und sie lief", schwärmt Siebeking.
Begonnen hat das Vereinsleben 1997 mit einer Wette: "Wer ist schneller, Zündapp oder Kreidler?" Die Frage wurde ausgefahren. Der Sieger: Uwe Brockmeier auf einer gebläsegekühlten Kreidler Florett, Baujahr 1964. Auf den Plätzen: zwei "Schwalben", ein Roller. Die Zündapp war nicht am Start.
Derselbe Brockmeier musste vier Jahre später eine bittere Niederlage verkraften. Im Rennen gegen die 175 PS starke Suzuki Hayabusa von Friedrich Heitmeyer zog er auf der Kartbahn in Kirchlengern den Kürzeren.
Hayabusa? Bei den "50 ccm Freunden" fährt man Hercules Ultra 50 RS, Zündapp CS 50, Mobylette Sport oder NSU Quickly aus den 50-ern. Und vor allem Kreidler.
Gruppenbild mit Stein: Bei "Leo" präsentieren die "50ccm Freunde Nettelstedt" sich und ihre Maschinen.
In Reih und Glied: Vereinswirt Leonard Kauffmann, Vorsitzender Ernst Kottkamp, Schriftführer Uwe Brockmeier, Sportwart Jörg Skerjanc, Kassenwart Rainer Siebeking, Kottkamps Vize Reinhold Mauksch und Mitglied Jochen Schwarze (von vorn).
Text und Fotos: Stefan Lyrath
Quelle: Neue Westfälische Lübbecke vom Samstag/Sonntag, 8./9. Oktober 2005
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